Eignet sich ein E-Auto als Zugwagen?
So könnte die Zukunft des elektrifizierten Wohnwagens aussehen
Schon mal darüber nachgedacht, mit einem E-Auto in den Campingurlaub zu fahren? Einige Elektroautos können tatsächlich Wohnwagen ziehen. Aber ist das auch praxistauglich? Und an welchen Lösungen arbeitet die Branche, um die Reichweite zu erhöhen?
Inhaltsverzeichnis
- Marktanteil von E-Autos steigt unaufhaltsam
- Immer mehr E-Autos mit nennenswerter Anhängelast
- Wohnwagentaugliche E-Autos im Überblick
- Anhängerbetrieb lässt Reichweite bei E-Autos schrumpfen
- Spezielle Wohnwagen können Reichweitendefizit ausgleichen
- Ladestationen bieten keinen Platz für Gespanne
- Fazit: Theorie ist nicht gleich Praxis
Marktanteil von E-Autos steigt unaufhaltsam
Auf Deutschlands Straßen sind immer mehr elektrisch angetriebene Fahrzeuge unterwegs – trotz anhaltender Rohstoffkrise, die vor allem die Herstellung von Chips und Batterien ausbremst. Im Januar 2025 betrug der Marktanteil der Elektroautos 16,6 Prozent. Als Referenz: Im Juli 2024 waren es ganze zwei Prozent weniger.
Einer Prognose der Unternehmensberatung PwC zufolge werden die Marktanteile von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben und Verbrennern bereits in wenigen Jahren gleichziehen.
Immer mehr E-Autos mit nennenswerter Anhängelast
Bei dieser Entwicklung ist es wenig verwunderlich, dass auch immer mehr Caravaner ein E-Fahrzeug als Zugwagen in Erwägung ziehen, schließlich werden die Reichweiten immer größer, die Ladezeiten kürzer und das Ladenetz besser ausgebaut. Mit dem Wohnwagen im Schlepptau ist insbesondere die Anhängelast entscheidend. Und da trennt sich die Spreu vom Weizen, zumal viele E-Autos überhaupt nicht mit einer Anhängerkupplung ausgestattet werden können.
Viele Hersteller statten ihre Elektroautos mittlerweile mit Anhängerkupplung aus. So kann schonmal ein Fahrradträger montiert werden. Nicht alle E-Autos mit Anhängerkupplung sind allerdings für den Anhängerbetrieb freigegeben (wie der VW ID.3), da das zusätzliche Gewicht die ohnehin bereits stark beanspruchten Batterien noch schneller ermüden lässt. Außerdem sind die verwendeten E-Antriebe noch nicht ausreichend unter Dauerbelastung erprobt. Und einen drohenden Imageschaden durch reihenweise überlastete E-Motoren will schließlich kein Hersteller riskieren.
Wohnwagentaugliche E-Autos im Überblick
Bereits bei vielen Einsteiger-Wohnwagen beträgt die zulässige Gesamtmasse mindestens 1.000 Kilo, in der Mittelklasse sind moderne Caravans mit 1.500 bis knapp 2.000 Kilo zu finden. Eine echte Herausforderung, der nur wenige Elektroautos gewachsen sind.
| Fahrzeugmodell | max. Anhängelast gebremst | max. Reichweite (WLTP) | max. Batteriekapazität (netto) |
| Audi Q8 e-tron 55 advanced quattro | 1.800 kg | 595 km | 106 kWh |
| BMW iX xDrive60 | 2.500 kg | 701 km | 109,6 kWh |
| Hyundai Ioniq 5 TECHNIQ 4WD | 1.600 kg | 546 km | 84 kWh |
| Kia EV9 | 2.500 kg | 505 km | 99,8 kWh |
| Mercedes EQS SUV 450 4 MATIC | 1.800 kg | 648 km | 118 kWh |
| Opel Grandland Eletric | 1.200 kg | 523 km | 73 kWh |
| Polestar 3 Long Range Single Motor | 1.500 kg | 706 km | 107 kWh |
| Porsche Macan 4 Electric | 2.000 kg | 613 km | 95 kWh |
| Skoda Enyaq 85x | 1.200 kg | 541 km | 77 kWh |
| Tesla Model X | 2.250 kg | 543 km | 95 kWh |
| Volvo EX90 Twin Motor Core | 2.200 kg | 627 km | 107 kWh |
| VW ID.4 GTX 4MOTION | 1.200 kg | 524 km | 77 kWh |
Unterschiedliche Bemessungsgrundlage
Bei manchen Fahrzeugherstellern hängt die maximale Anhängelast von der Batteriegröße des Fahrzeuges ab, bei anderen davon, ob es ein zwei- oder allradgetriebenes Fahrzeug ist.
Anhängerbetrieb lässt Reichweite bei E-Autos schrumpfen
Die von den Herstellern kommunizierten Reichweitenangaben sind als Maßstab für den Anhängerbetrieb nicht geeignet. Da es jedoch keine vergleichbaren Reichweiten für die Fahrt mit Wohnwagen gibt, habe ich die Tabelle (oben) auf Herstellerangaben nach WLTP-Messung beschränkt. Die Hersteller beziffern die Reichweite ihrer Autos meist nach dem Messverfahren WLTP.

Ein Praxisbeispiel: Wie weit ein Gespann mit E-Antrieb tatsächlich kommt, hat das Fachmagazin Autozeitung im Rahmen eines Praxistests ermittelt. Dazu hängten die Tester einem Volvo XC40 Recharge einen Weinsberg Caracito 450 FU mit einem Leergewicht von ca. 920 Kilogramm an den Haken. Wohnanhänger und Zugwagen wurden mit insgesamt 600 Kilo Gepäck beladen, um realistische Bedingungen zu schaffen.
Den Fahreigenschaften sowie der Leistungsfähigkeit der beiden Elektromotoren attestieren die Tester durchweg gute Noten. Allerdings endete die Fahrt mit Wohnwagen bereits nach 214 Kilometern. Ein kurzer Spaß für ein knapp 65.000 Euro teures E-Auto. Bei einer Vergleichsfahrt ohne Anhänger hielten die Batterien immerhin 108 Kilometer länger durch. Aber selbst das ist wenig im Vergleich zu sparsamen Dieselmotoren, die – je nach Fabrikat – ohne Tankstop Entfernungen im vierstelligen Kilometerbereich zurücklegen können. Laut dem ADAC reduzierte sich die Reichweite aller E-Fahrzeuge in Verbindung mit einem schweren Wohnwagen sogar auf die Hälfte des üblichen Wertes.
Spezielle Wohnwagen können Reichweitendefizit ausgleichen
Zu einer effizienten Nutzung der E-Mobilität muss auch die Caravanbranche einen Teil beitragen. Erste Wohnwagenhersteller optimieren ihre Wohnanhänger bereits für die Kombination mit einem Elektroauto. Schon 2016 stellte Knaus den auf der Fibre-Frame-Technologie basierenden Travelino vor. Dabei werden geschäumte und versiegelte Formteile mittels Ultraschall miteinander verschweißt. Der so entstehende Rahmen soll 500 Kilo leichter sein als übliche Caravanrahmen. Insgesamt brachte es der 5,19 Meter lange Wohnwagen auf ein zulässiges Gesamtgewicht von 750 Kilo bei 100 Kilo Zuladung. Zwar wurde der Travelino 2021 eingestellt, die Fibre-Frame-Technologie lebt aber im Knaus Deseo weiter.

Hersteller Dethleffs hält sogar selbstangetriebene Wohnwagen für möglich. Mit der Studie Dethleffs E.HOME haben die Allgäuer einen ersten Prototyp eines Wohnwagens mit E-Motor und eigener Batterie realisiert. Der elektrische Antrieb unterstützt den Zugwagen als eine Art Range-Extender und entlastet somit den E-Antrieb des Autos. Laut Dethleffs soll der elektrisch angetriebene Wohnwagen sogar sämtliche Reichweitenverluste kompensieren. Dass es sich dabei nicht nur um Zukunftsmusik handelt, hat Dethleffs bereits im Rahmen einer Alpenüberquerung bewiesen. Ein Gespann aus Audi e-tron und Dethleffs e.Home Coco legte die 386 Kilometer lange Strecke von Isny im Allgäu nach Riva am Gardasee erfolgreich – und ganz ohne Ladepause – zurück.
Dethleffs E.HOME: Rekordfahrt über die Alpen
Im Januar 2022 zeigte der legendäre amerikanische Caravanhersteller Airstream auf der RV Supershow in Florida ebenfalls ein Konzept für einen elektrisch angetriebenen Wohnwagen, den eStream. Auch wenn Airstream keine Details zur verwendeten Technik nennen möchte, gilt es als sicher, dass der verwendete Antrieb auf der Studie von Dethleffs basiert. Schließlich gehören beide Marken zum amerikanischen Konzern Thor Industries. Sowohl bei Dethleffs E.HOME als auch dem Thor eStream ist übrigens kein gesonderter Rangierantrieb nötig. Denn zum Rangieren lassen sich die zwei integrierten 30 kW-Motoren nutzen.
Rekuperieren mit Wohnwagen
Elektroautos rekuperieren, das heißt, sie nutzen vorwiegend die Motorbremse und können dabei Strom erzeugen. Nur bei ungebremsten Anhängern lässt sich durch das höhere Gewicht des Gespanns mehr Energie beim Bremsen zurückgewinnen. Bei einem gebremsten Anhänger, wie es alle großen Wohnwagen sind, wirkt sich die Bewegungsenergie des Anhängers nicht aus, wenn die Auflaufbremse greift.
Ladestationen bieten keinen Platz für Gespanne

Geringe Reichweiten wären weniger ein Hindernis, wenn sich E-Autos unkompliziert und schnell laden ließen. Im Alltag zeigt sich jedoch, dass die Parkflächen an den Ladesäulen nicht immer für Gespanne ausgelegt sind. Für Camper gestaltet sich das Heranfahren an die Ladesäule somit problematisch. Immer häufiger werden inzwischen jedoch auch Schnellladesäulen entlang der Autobahn aufgebaut, die wie eine klassische Tankstelle als Durchfahrt-Ladestandorte konzipiert und somit auch für Gespanne tauglich sind.
Drive-Through-Ladestation
Viele Ladestationen von Fastned sind als Station mit Durchfahrtskonzept gedacht. Als sogenannte Drive-Through-Ladestation ist sie mit geräumigen Ein-und Auffahrtsspuren konzipiert, was das Manövrieren des Gespanns deutlich erleichtert.
Fazit: Theorie ist nicht gleich Praxis
Für Caravaner wird der Traum von der Elektromobilität vorerst ein Traum bleiben. Die Ansätze der Wohnwagenhersteller sind zwar vielversprechend, jedoch scheitert es – wie es bei Innovationen im Allgemeinen oftmals der Fall ist – noch an der praktischen Umsetzung. Insbesondere mangelt es noch an einer geeigneten Ladeinfrastruktur für Gespanne.
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